Distillery 48

Christoph Flückiger: Projekt A
ein autobiographischer Versuch

In meinem kleinen Zimmerchen, sieben bis acht Quadratmeter, das Bett direkt unter dem Dachfenster, das früher mein Fenster zum All war, durch das ich Verbindung zu Regen, Schnee und Hagel, Blitz und Donner, zum nächtlichen Himmel, den Sternen und dem Mond in allen Gestalten hatte, dieses Fenster verwandelte sich in das schwarze Loch des Grabes, in das ich starrte. Und ich lag nicht mehr so wie ehemals, als ich im Halbschlaf spürte, wie es in mir wuchs, der Brustkorb sich weitete, die Beine länger wurden, bis sie an den Bettrand stiessen. Jetzt fiel das Fleisch ab, wurde zu Staub, den ein Windstoss aus dem Gerippe blies. „Der Tod ist der Sünde Sold.“ Mich ängstigte, dass es mich nicht mehr geben sollte, dass ich nicht mehr sein würde. Nirgends Ich. Nichts. Und kein Himmel, zu dem ich aufsteigen würde, nicht der Trost einer unsterblichen Seele.
Der Grüne Heinrich und der Feuerbachsche Atheismus [...] waren das Rettungsseil, an dem ich mich aus dem Grab befreien konnte – wenigstens für die Zeit des Lebens. [...] Ja, es stirbt der ganze Mensch ganz. Aber es bleibt das Leben in seiner sinnlichen Schönheit. Diese uns gegebene Welt sollen wir in Anbetracht unserer Endlichkeit so intensiv wie möglich erleben.

Christoph Flückiger wurde 1946 in einem Dorf im Emmental geboren. Er studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie in Basel, Berlin und Paris. Als Lehrer unterrichtete er von 1974 bis 2009 an einem Basler Gymnasium. Seit 1986 beschäftigt er sich intensiv mit Bildhauerei.

Christoph Flückiger: Projekt A +

1. Auflage 2018
50 Exemplare
© für diese Ausgabe bei Distillery
Satz: rag, Wien
Druck und Bindung: Bookstation GmbH, Anzing
ISBN 978-3-941330-48-1

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Distillery 47

Jürgen Schneider: Kundus

Rezension von Florian Neuner in der jungen Welt

Jürgen Schneider: Kundus +

1. Auflage 2017
Broschur, 32 Seiten, 12 x 18 cm
ISBN 978-3-941330-47-4, 7 Euro

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Distillery 46

Johannes Jansen: Wegzehr

Rezension von Jan Kuhlbrodt bei Signaturen – Forum für autonome Poesie

Johannes Jansen: Wegzehr +

1. Auflage 2017
Paperback, 60 Seiten, 12 x 18 cm
ISBN 978-3-941330-46-7, 9 Euro

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Distillery 45

Ulrich Zieger: Die Werkstatt

Eine Buchbinderwerkstatt diente dem Autor dieses Buches als Herberge und Rückzugsgebiet, zwei Sommer und zwei Winter; das Werkzeug, aus einer anderen Zeit stammend, stiftete Erdung und Zukunft für die entstehenden Texte – Versprechen und Halt zugleich. Nun bekommen die Texte eine neue schützende Hülle: 55 Umschläge für 55 Bücher, am 29.12.2016 55 Jahre schwer.
   Ihre Bindung haben die Bücher in Frankreich erfahren – „der Rest war weiter draussen“. Die Gedichte hält die „stärkere Stimme“ des Dichters zusammen, der uns in vielen Rollen begegnet, als „Freier unter Fängern“, „tanzender Derwisch“, „König Kanaille“ oder „Bote, Kurier“, auch wenn Linien und Schritte, die die Struktur des Bandes erzwingen, über die Ränder des Bildes, des Raumes (der Werkstatt) hinausstreben: in der Hoffnung auf ein „waches Gespräch“, das nicht zerrinnen kann in der „Tristesse der Terrassen“, der Austauschbarkeit von Himmel und Hölle.
   „Es war manches zu tun, / eingebettet in zähes und rasselndes Warten“, vor allem: weiter zu beharren trotz der Verstörung, der Tode, der betrunkenen Winter – im unermüdlichen Umkreisen der „unerlösten Themen“, das Übrige zu ordnen, zu trennen auch. Die Adressaten: verschwiegene Leser, tote Sänger, eine alte Malerin, Michel de Montaigne, Mnemosyne oder die Bremer Stadtmusikanten. Noch künden die Texte von ermahnter Nähe und ertrotzter Anwesenheit, aber die Ahnung weist schon voraus: „bald muss ich samt meinem Schatten hinweg springen“ – auch über den Totpunkt. Die Zeugenschaft dieser stets unaufgehobenen Bewegung überlassen uns die Gedichte – „bin ich der Läufer der sich auf der Ziellinie selbst überholte“ – als Orientierung und „Überdauerndes“.

Kristin Schulz


Ulrich Zieger: * 29.12.1961 in Döbeln, † 23. Juli  2015 in Montpellier. Zahlreiche Publikationen, darunter Der Kasten (Roman), Der zweifelhafte Ruhm dreier Dichter (Prosa), Immerwährende Hanglage (Dramatik), neunzehnhundertfünfundsechzig (Lyrik; alle Druckhaus Galrev, Berlin). Zuletzt erschienen: Aufwartungen im Gehäus (Lyrik), Edition Rugerup, Berlin, Hörby 2011 sowie Durchzug eines Regenbandes (Roman), S. Fischer, Frankfurt/Main 2015.

Ulrich Zieger: Die Werkstatt +

Diese Ausgabe erscheint anlässlich des 55. Geburtstages Ulrich Ziegers, mit freundlicher Genehmigung der Editions Grèges und der Erben. Der Verlag dankt herzlichst Egmont Hesse.

Gestaltung des Einbands: rag, Wien
(unter Verwendung einer Zeichnung des Autors – Portrait von Pascal Gille)

1. Auflage 2016, 55 Exemplare
ISBN 978-3-941330-45-0, 15 Euro
(vergriffen)